#DeleteFacebook now! #WeToo?

Das Ende des Facebook Profils ist der Anfang der Schwarm Intelligenz Das Ende des Facebook Profils ist der Anfang der Schwarm Intelligenz
03/04/2018
SOCIAL MEDIA
TECHNIK

Es mag manchen jetzt billig vorkommen, wenn man den Hype um #DeleteFacebook nutzt, um den Unternehmensaccount mit einer vierstelligen Anzahl an Fans löscht. Natürlich denkt die hysterische #DeleteFacebook-Kampagne ziemlich kurz. Deswegen sollte man auch erst einmal in Ruhe nachdenken. Ist es nicht auch der gedankenlose und fahrlässige Umgang der Facebook-Nutzer mit den eigenen Daten, der dazu geführt hat, dass Filterblasen, Wahl- und Meinungsmanipulationen in diesem erschreckenden Ausmaß überhaupt erst möglich wurden?

Und ist es nicht auch die unempathische, arrogante und selbstverliebte Sicht von Programmierern, Hackern und Codern auf den „dummen” User-Schwarm, der so überhaupt nichts von Algorithmen, Codes und IT versteht und deswegen bitteschön einfach nur selbst schuld ist? Auch das ist eine Filterblase – in den Köpfen der von der Realtität abgeschotteten Entwickler.

Zuletzt ist es aber auch die Auswirkung einer selbstverliebten, sich selbst bespiegelten, egomanen und selbstbezogenen Gesellschaft, die immer weiter vereinzelt, immer mehr soziale Verhaltensweisen aufgibt und dabei vor lauter Narzissmus vergisst, dass aller gesellschaftlicher Ursprung die Definition des Einzelnen als soziale Wesen ist.

So. Sollen wir das alles nun hinnehmen? Resigniert abwicken und stammeln, „es ist halt wie es ist”? Oh nein, liebe Leserschaft. Jetzt geht es erst recht um Bewusstmachung, um Medienkompetenz, um die Zerstörung von Elfenbeintürmen, um das Ende der Abgrenzungsmechanismen. Schluss mit dieser Ich-Bezogenheit… und diesem ganzen Influencer-Wahn.

Mit #DeleteFacebook löschen wir die Selbstinszenierung

Inszenierung ist der Schlüssel, Selbstoptimierung das Mittel zum Erfolg. Wer glaubt, was er sieht, ist bereits manipuliert. Wir sind ein IT-Unternehmen. Und keine Inszenierungsinstanz: weder Party-Könige noch Katzen-Dompteure. Keine Hunde-Friseure und keine Happy Hour Animateure. Niemals Geburtstagstorten-Lieferanten. Schin garnicht Meme-Tanten und Dauerlächel-Dilettanten. Eigentlich haben wir viel zu lange gebraucht, um das zu erkennen. Das alles hätten wir sein müssen, um unseren Facebook-Account zu immer mehr Likes, Friends und Interaktionen zu pushen. Zum Glück hatten wir für diese Art der Belohnung schon immer herzlich wenig übrig . Ja, ähh, wir sind eben nur wir (wie banal klingt das denn) … #DeleteFacebook – uns fällt ein Stein vom Herz.

Abgesehen von der Überflutung mit selbstbezogenen und überinszenierten Belanglosigkeiten, mit denen uns Facebook minütlich zumüllt, gibt viele ernste Gründe dafür, mit #DeleteFacebook ernst zu machen.

Wer konnte sich vor ein paar Jahren vorstellen, dass sich 2 Millarden Menschen einem einzigen Unternehmen ausliefern? Nur weil es ein scheinbar kostenloses Angebot macht.  Der Skandal um Cambridge Analytica hat endlich deutlich gemacht, dass Facebook eine Macht erlangt hat, die Demokratien gefährdet. Trump und Brexit – nur zwei Beispiele von vielen, dass diese Macht längst unsere Sozietät gefährdet.

#DeleteFacebook – ein Akt gegen unterbewusste Beeinflussung

Facebook, aber auch Twitter, Instagram, youTube und inbesondere Google haben längst die Deutungshoheit über die Wirklichkeit. Klassische, journalistisch getriebene Medien versinken in der Bedeutungslosigkeit. Eine demokratische Kontrolle findet heute kaum noch statt. Internetkonzerne kontrollieren und beeinflussen die Nutzer auf Basis gewaltiger Datensammlungen, die für kommerzielle Zwecke zweckentfremdet werden. Und wir betonen Zweckentfremdung: Dieses lässige „Die Jungs von nebenan in ihren Jogginghosen, Badelatschen und Macbooks bringen alle Menschen zusammen“-Image der Konzerne suggeriert einen Philantropismus, der das den Social-Media-Konzernen zugrunde liegende Geschäftsmodell möglichst gründlich verschleiert: Personenbezogene Daten an die höchsten Bieter verkaufen.

Natürlich kann man der Meinung sein, dass es schon OK ist, wenn dem Tierfreund Werbung von Tierheimen, Futterherstellern und tierfreundlichen Hotels in der Timeline angezeigt wird oder IT-Unternehmen von Analyse-Software, Secure-Seminaren und Consulting-Angeboten. Nur gibt es keinen einfachen Weg, um dieses Stalking auszuschalten. Und wenn sich doch jemand erdreistet, das Stalking technisch zum umgehen, zum Beispiel durch die Nutzung von anonymisierenden Diensten wie Tor oder VPN, wird auffällig und landet schnell mal auf der No-Fly-List bei Airlines. Perfide: Werbung wird in den sozialen Netzwerken gern in der Timeline eingespielt – eingestreut zwischen Status Posts von Freunden. In der Print-Branche nennt man das „Advertorial“ – ein möglichst redaktionell-seriös gestalteter Werbebeitrag, bei dem man schon mal übersehen kann, dass es eigentlich eine stinknormale Anzeige ist. Die selektive Wahrnehmung wird so gewissermaßen unterwandert.

Die Bedrohung der 144 Zeichen

Dass die Politik als demokratisch gewählte Regulationsinstanz einfach nur zuschaut, ohne einzugreifen, ist der eigentliche Skandal. Wann begreift man, dass Facebook (und vergleichbare Social-Media-Angebote) die Freiheit nicht fördert, sondern bedroht. So wie Social Media Menschen zusammenführt, so spaltet es Gesellschaften im gleichen Maße. Heute zählen Fakten nichts mehr. Es ist die Zeit der Gefühle vor allem von Wut und Angst. Das ist der Grund, warum sich auf der ganzen Welt Extremisten und Weltverschwörer unkontrolliert des Netzwerks bemächtigen. Für Gegenrede und Abwägen bleibt in den Kommentarspalten, die immer kurz zu halten sind, kaum Platz. Politik der 144 Zeichen – man sieht aktuell, wohin das führt.

#DeleteFacebook – Datenschutz ist groß zu schreiben

Ende Mai 2018 wird eine umfassenden Datenschutz-Verordnung der EU in Kraft treten. Man kann ob des bürokratischen Aufwandes, der nun auf Unternehmen zukommt, sicher geteilter Meinung über die Qualität der DSGVO sein. Einige Artikel sind zu vage und unternehmensfreundlich, manche Regelungen schießen über das Schutzziel hinaus. Aber grundsätzlich ist diese Einführung ein wichtiger und richtiger Schritt (mehr dazu demnächst in unserem Blog).

Nicht die Facebook-Zentrale in den USA darf bestimmen, welche Daten von Nutzern gesammelt werden. Das ist vor allem die Aufgabe von demokratisch legitimierten Vertretungen. Auch der Schutz dieser Daten gehört dazu und die Pflicht der Insider – Datenschutzexperten, Software-Entwickler, IT-Unternehmen – die breite Gesellschaft mit entsprechender Medienkompetenz auszustatten, um bewusst mit den persönlichen Daten umzugehen. Denn erst wenn man weiss, was alles geht, wird man darüber nachdenken können, was man davon eigentlich will.

#DeleteFacebook – die nicht feststellbare Manipulation

Seien wir ehrlich, genau genommen geht es inzwischen um das gesamte System: um Werbung, um Messbarkeit und um den gläsernen Verbraucher. Es geht um die digitale Transformation einer gesamten Branche, um Marketing und Einflussnahme. 2016 haben nach Schätzungen Facebook und Google gemeinsam ca. 77 Prozent aller Werbebudgets weltweit eingesammelt. Die Daten jedes einzelnen Nutzers ist der Treibstoff dieser gigantischen Veränderung auf dem Werbemarkt. Die Messbarkeit ist das geldwerte Versprechen dieser Entwicklung. Werbekunden wollen messbare Erfolge bzw. Misserfolge ihrer Kampagnen und Werbegelder analysieren – mit dem Ziel, noch effektiver Verkaufen zu können.

Die Wahrheit ist, dass sämtliche Agenturen – sei es bei Facebook-Anzeigen oder AdWord-Kampagnen – immer noch nach dem Prinzip Try and Error verfahren. Trotz aller scheinbaren Messbarkeit gibt es nach wie vor noch kein Rezept, das Erfolg garantiert. Der Erfolg von Google und Facebook liegt im Märchen begründet, dass im Internet alles und jeder messbar sei. In Wahrheit ist ein großer Teil des Messbarkeitsmarketings nur inszeniert. Man schätzt, dass ca. 20 Prozent der AdWord-Klicks durch Bots generiert werden. Verweildauer und Reichweiten werden nahezu immer geschönt dargestellt. Trotzdem funktioniert digitale Werbung. Trotzdem ist nach wie vor kaum vorherzusagen, ob und wie digitale Werbung funktioniert. Die umfassende Messbarkeit von Verhalten ist auch heute noch nichts anderes als ein schönes Märchen.

#DeleteFacebook – die Realität der Filterblase

Gefährlich ist aber die Möglichkeit der Filterung. Wenn Netzwerke dazu übergehen, dem User nur noch Nachrichten zu zeigen, von denen man aufgrund von Klickverhalten annimmt, dass diese im Meningsset des Users liegen, wird Realität ausgeblendet und eigene Wirklichkeiten geschaffen. So wird dann auch einer politischen Manipulation Tür und Tor geöffnet. Und genau hierin liegt die Gefahr der gesellschaftlichen – und demokratischen – Implosion. Manipulation durch Realitätsverzerrung. Die eigentliche Gefahr liegt somit nicht im Sammeln gigantischer Datenmengen. Die Gefahr liegt in deren Analyse, Kategorisierung und Bündelung. Also in der Filterung und deren automatischen Nutzbarmachung.

Somit ist #DeleteFacebook nicht nur eine Grundsatzdiskussion über dieses Netzwerk, sondern über die gesamte Werbeindustrie, über Politik und Gesellschaft sowie  dem anmaßenden Versprechen von käuflicher Einflussnahme auf jeden einzelnen Verbraucher. Der Facebook-Nutzer ist das Produkt. Die werbende Industrie, Wirtschaft und Politik ist der Facebook-Kunde. Die Frage ist: Ist es für Sie als Facebook-User also OK, als Produkt behandelt zu werden?

#DeleteFacebook! #YouToo?

Es gibt sicher Gründe, sich jetzt nicht aus Facebook zu verabschieden, weil man

  • lange Jahre weltweit verstreute Bekannte eingesammelt hat
  • für Adressenlisten (inzwischen) keine andere Alternative hat
  • als Veranstalter auf die (bezahlten) Terminmeldungen angewiesen ist

Jeder muss nun für sich entscheiden, wie sehr man dieses Netzwerk weiterhin nutzt. Wie man es benutzt, sollte man sich aber unbedingt bewusst machen. Auch dass man die kostenlose Nutzung mit den eigenen privaten Daten bezahlt. Einerseits sollte man sich mit den Einstellungen intensiv beschäftigen und auch überlegen, welche persönliche Daten (Geburtssdatum, Wohnort, Schulbildung, Vorlieben etc.) man preisgeben möchte. Es gibt sie nämlich, die Möglichkeit, Daten zu sperren … nur dafür muss man sich tief in die Menüs klicken und auch den letzten Winkel der Kontoeinstellungen besuchen. Wenn man eine kleinen Einblick erhaschen möchte, was Facebook bereits von einem weiß, sollte man sich nur in den Kontoeinstellungen zu jener Liste durchklicken, auf der die persönlichen Interessen aufgeführt werden. Hier sieht man klar und deutlich, was Facebook bereits aus aus den Posts gefiltert hat. Seien Sie aber versichert, das ist nur die Spitze des Eisbergs …

#DeleteFacebook! Werfe erst einmal einen Blick darauf, bevor Du entscheidest!

Das Facebook-Geschäftsmodell an den Pranger zu stellen, ist einfach. Die eigene Nutzung zu hinterfragen, schon schwieriger. Vergegenwärtigen wir uns: Herr Zuckerberg reklamiert für sein Netzwerk, dass es gratis sein soll, um möglichst viele Menschen in der ganzen Welt zu vernetzen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Informationen auszutauschen; auch Menschen, die in den ärmsten Regionen leben und sonst keine Chance auf eine globale Infomations-Partizipation haben.  Das muss irgendwie finanziert werden. Vordergründig mit Werbung. Hintergründig mit dem Verkauf von Datenpaketen. Um diese verkaufen zu können, müssen sie natürlich Mehrwert bieten. Also Zielgruppen-und Meinungs-Spezifika. Und hier liegt nun der Kern des Problems: Einen Teil dieser persönlichen Daten kann man nämlich verwehren,

  • wenn man in den persönlichen Einstellungen im eigenen Konto möglichst wenig Daten preisgibt,
  • wenn man möglichst wenige oder keine Likes vergibt, da man dadurch sein persönlichen Vorlieben für sich behält
  • und wenn man Fremdanbietern (z. B. Apps) immer den Zugriff auf seine Freundeslisten verwehrt. Dara denken, dass man Facebook auch als login-Seite für viele Apps verwenden kann. Einmal nicht aufgepasst und schon gewährt man diesen Fremdanbietern den kompletten Einblick auf Profil und Freundeslisten – so z. B. beschaffte sich Cambridge Analytica die Daten, was infolge dieFacebook-Diskussion auslöste.

… und zuletzt 3 Links, die helfen (können):

1. Persönliche Einstellungen

Nicht zu viel preisgeben. Wer die persönlichen Einstellungen richtig setzt, kann sich ein wenig der Datenkrake(n) erwehren:
Die besten Tipps um anonym zu bleiben

2. Gespeicherte Daten herunterladen

Wer wissen will, was Facebook aktuell von einem gespeichert hat, der folgt folgendem Link zum Download der bisher von Facebook gespeicherten Daten. Wetten, dass das, was man dann sieht, eigentlich nicht zu glauben ist.
Was Facebook alles über einen gespeichert hat: zum Download

3. DeleteFacebook! So löscht man den Account:

Und wer jetzt endgültig genug hat und sich von zeitverzehrenden und blablabla-Timelines-Posts verabschieden und zudem seine Daten nicht öffentlich machen möchte, nutzt diesen Link:
Facebook-Account löschen

#Delete Facebook! Wir (noch) nicht.

Nein. Wir werden unseren Unternehmensaccount (noch) nicht löschen, aber stilllegen. Das heisst, wir werden keine Anzeigen z. B. zur Mitarbeitersuche schalten, wir werden nichts mehr posten, aber wir werden ihn weiterhin dazu verwenden, mit geschlossenen Gruppen,  bei den wir Mitglied sind, in Kontakt zu bleiben. Bis auf Weiteres. Wir werden intensiv beobachten, wie Facebook zukünftig mit Daten und Privatsphäre umgeht und ob sie das umsetzen, was Zuckerberg letzte Woche angekündigt hat:
Mark Zuckerberg will verbessern – aber es wird Jahre dauern.

Auch interessant. intercorps Blick in die ganz nahe Zukunft: how do you do …