Dietrich F. Riegg: kein Nachruf – ein Aufruf

25/02/2015
EXTERN
INTEREST

von Fergus Wünschmann

Es gibt nur eine einzige wirkliche Gewissheit in unseren, immer von Unsicherheiten geprägten, Leben: Irgendwann wird es zu Ende gehen. Wir wissen nur nie, wann. Wenn es dann passiert, ist man doch schockiert, fassungslos und irriert. So auch jetzt geschehen: Unser Mentor, Firmengründer und Visionär Dietrich F. Riegg ist von uns gegangen.

Wasser erstarrt zu Eis, Eis schmilzt zu Wasser. Was geboren ist, stirbt wieder; was gestorben ist, lebt wieder. Wasser und Eis sind letztlich eins. (Tibetische Weisheit)

Wir von Riegg & Partner intercorp. haben ihm intercorp. zu verdanken. Er war derjenige, der bereits 1996 in vielen Gesprächen, die ich mit ihm führen konnte – über die Zukunft der Kommunikation, über unternehmerische Entwicklung und über die Neuzeit Computerwelt –  der Vision des Internets gefolgt ist, diese erkannt hat und uns darin bestärkt hat, diesen neuen Weg zu gehen. Man bedenke: Erst 1991 wurde die erste Version von Berners-Lees WWW (world wide web) freigegeben (Anm.: Tim Berner-Less ist der Erfinder der HTML (Hypertext Markup Language) und der Begründer des World Wide Web). Es ist sicher nicht normal, dass jemand, dessen Welt Druck, Papier und Printwerbung ist, von Anfang an eine ”spinnerte” Idee unterstützt, die langfristig die Ablösung dieser Papierwelt postuliert, die extremes technisches Wissen der Nutzer voraussetzt und die über Modems verfügt, die jede Einwahl in das Telefonnetz als Ereignis feiern, wenn es dann tatsächlich einmal klappt. Und natürlich war es ein großes unternehmerisches Wagnis für eine eher kleine Werbeagentur vom Lande, auf eine neue Technologie und neue Mitarbeiter zu setzen – bevor es überhaupt klar war, ob sich Kunden für diese wundersame neue Computerwelt finden ließen. Und noch verblüffender, waghalsiger und mutiger war diese Entscheidung, wenn man weiss, dass Dietrich die gute alte Schreibmaschine und nicht den Computer für seine tägliche Arbeit bevorzugte. Dies alles trug sich zu einer Zeit zu, als er sich bereits aus dem aktiven Arbeitsleben zurückgezogen hatte und als Gesellschafter der Riegg & Partner Werbeagentur im Hintergrund wirkte.

Wir lernen daraus: Zukunft wird aus Vision gemacht. Und so wurde aus einer winzigen  Abteilung der Werbeagentur, die 1998 aus 2 Personen bestand, ein Tochterunternehmen, das in diesem Jahr 15 jähriges Jubiläum feiert.

Ich habe Dir viel zu verdanken: Du ließt mir Freiheit. Du schenktest mir von Anfang an Vertrauen. Du hast immer Raum für freie Gedanken und wagemutige Ideen gelassen. Du förderst und forderst – immer mit Weitblick und immer mit dem besten Instinkt. Du verließt dich immer auf den Bauch und der Bauch ließ Dich nicht im Stich. Allein diese, Deine gelebten, Grundsätze in der täglichen Arbeit sehen und erfahren zu können, ersetzen die meisten Hochschulkurse, die Marketing, Unternehmensführung und Personalpolitik vermitteln wollen. Aber damit kein falsches Bild entsteht: Nein, Du machtest es mir niemals leicht. Gut so.

Wer kreativ und quer denkt, gibt sich mit keinen einfachen, oberflächlichen Lösungen zufrieden. Mit denken. Rein denken. Tief denken. Und dieses Kopfkino erst einmal durch den Bauch schicken. Mit fühlen. Rein fühlen. Tief fühlen. Und dann voller Überzeugung antworten.

Wir versprechen Dir kein Museum, wir versprechen Dir die Zukunft. Nimmt man die Tibetische Weisheit von Wasser und Eis, so werden wir auch keine Gedenkecke einrichten, sondern Deine Vorstellungen vom Leben und von der Arbeit in deinem Sinne weiterführen. Nein, wir sind keine Maschinen, wir sind Menschen. Deswegen wird der Umgang untereinander und das Miteinander mit unseren Kunden immer von Vertrauen, Menschlichkeit, Offenheit und Nähe geprägt sein. Ganz so, wie Du es mit Deinen Freunden, Deinen Kunden und Deinen Mitarbeitern hieltest. Auch bei uns wird der Kühlschrank immer voll sein. Im wahrsten Wortsinne.

Wer den begnadeten Koch Dietrich besuchte, dem wurde immer ein voller Teller gereicht – wie es zu lesen steht: in guten wie in schlechten Zeiten. Probleme, Nöte oder Schwierigkeiten: Dietrich hatte dafür immer nicht nur ein offenes Ohr, sondern immer auch die helfende Hand.

Du verstandest die Welt nicht als einen zahlengetriebenen, controlling-versessenen Konzern, hättest das Prinzip ”hire and fire” niemals ins Deutsche übersetzt und wärest auch nie auf die Idee gekommen, Mitarbeiter als reine Umsatzgröße zu sehen. Ohne dabei zu vergessen, dass ein Unternehmen natürlich nach den marktüblichen Gesetzen funktionieren muss. Genauso hast du Deinen Kunden klipp und klar gesagt, was du von deren Konzepten und Vorstellungen hälst. Dein Wort war immer offen: was Dir gefiel, hast Du vehement gelobt, was Dir mißfiel, ebenso vehement benannt.

Ehrlichkeit im Umgang und Überzeugung aus Prinzip.

Unser erstes Treffen wird mir immer in Erinnerung bleiben. Als ich mich beworben und mein erstes Gespräch nicht mit Dir sondern mit Deinem Partner geführt hatte, ludst Du mich ein zweites Mal ein. Ich kam also und erwartete ein anzuggetragenes und krawattensteifes Vorstellungsgespräch mit dem Boss (denn das hatte ich bereits beim ersten Gespräch mitbekommen, dass Du nicht Herr Riegg, nicht Senior, Dietrich oder Dieter von Deinem Team genannt wurdest, sondern eben ”unser Boss”). Natürlich bereitet man sich als hoffnungsfroher Uniabgänger auf solche Gespräche und insbesondere auf die Gesprächseröffnung vor. Und es kam, wie es bei Dir eigentlich immer kommen musste, nämlich anders. Du schautest mich an, gabst mir die Hand und fragtest unvermittelt: ”Was sind Sie für ein Sternzeichen?” Ich stutzte, vergaß sofort alles, was ich so als Gesprächseinleitung vorbereitet hatte  und stammelte ”ja, ähhh, Fisch.” Und Du kurz und knapp: ”Sehr gut. Noch einen Zwilling können wir hier nämlich nicht gebrauchen.

Das sind nun Deine Lehren, die wir für unsere Zukunft ziehen. Ein Aufruf an alle, denen Lebenswert immer noch wichtiger als Unternehmenswert ist:

  • Lebe großherzig
  • Entscheide mutig
  • Verblüffe mit Offenheit
  • Mache das, woran Du glaubst
  • Blicke voraus und glaube an Vision
  • Vermeide Falschheit und meide sie
  • Profit allein macht niemals glücklich
  • Der Kühlschrank muss immer gut gefüllt sein
  • Genieße den Genuss und beschränke die Beschränktheit

Lieber Dietrich. Genau das nehmen wir für die Zukunft mit. Und Handeln in Deinem Sinne und nach der Tibetischen Weisheit vom Wasser und Eis:

So fließt Dein Fluss in unseren Bach, vermischt sich zu einem gemeinsamen Strom. Aus diesem Strom wird Energie. Energie, die uns alle antreibt. So entsteht Zukunft. Durch Deinen Fluss, in dem wir alle baden.